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Montag, 27. Oktober 2014

Das Licht auf dem Berge

  Das Foto ist von hier

Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Johannes 8,12)

 „Aber du musst doch auch einmal sehen, was die Kirche und die Christen in den letzten 2000 Jahren alles verbrochen haben. Das kann man doch nicht einfach ignorieren!“, sagte Anke mit vorwurfsvoller Stimme und einem leicht empörten  Gesichtsausdruck
  „Ja, du hast ja recht!“, lenkte ich ein. „Aber man sollte auch nicht das Gute übersehen, was von der Kirche und den Christen ausgegangen ist. Im Übrigen ist der Glaube an Gott erst einmal eine ganz persönliche Angelegenheit!“
   
Wieder einmal saß ich bei Anke und Dietmar im Wohnzimmer und versuchte sie von der Richtigkeit des Glaubens zu überzeugen. Was bei ihnen unterschiedliche Reaktionen hervorrief. Während Dietmar grundsätzlich, wenn auch ohne persönliche Konsequenzen, an die Existenz Gottes glaubte und sich ziemlich neutral verhielt, hatte Anke von Anfang an eine Art Frontalopposition eingenommen.
     Nichts von dem, was ich sagte, hatte bislang vor ihrem ablehnendem, teilweise vernichtenden Urteil Gnade gefunden. Und vermutlich war es nur unserer langjährigen Freundschaft geschuldet, dass sie mir überhaupt noch bei diesem Thema zuhörte.
   Ich hatte beide über das Schachspielen kennengelernt und war eine Zeitlang fast täglich bei ihnen ein- und ausgegangen. Dann aber geriet ich in jene tiefe Sinn- und Lebenskrise, die letztlich im Juni 1985 zu meiner Hinwendung zum christlichen Glauben geführt hatte.
   In jenen Monaten hatte ich sie nur noch sporadisch besucht, dann aber nach meiner Bekehrung wieder meine regelmäßigen Besuche, diesmal aber im 2-3 Wochenrhythmus aufgenommen. Natürlich schon mit dem Hintergedanken, sie von der Richtigkeit des christlichen Glaubens zu überzeugen. „Zu missionieren“, wie ich damals gesagt hätte. 

An diesem Abend hatten unsere Gespräche schon längst wieder den üblichen Verlauf genommen, als ich mich angesichts des heftigen Widerstandes von Anke fragte, ob meine Besuche grundsätzlich gesehen überhaupt noch einen Sinn machten. Die Argumente waren längst alle ausgetauscht und seitdem ich kein Schach mehr spielte, war diesbezüglich nur noch wenig Gesprächsstoff vorhanden.
    Okay, sagte ich zu mir selber, das ist heute das letzte Mal. Danach werde ich sie in Ruhe lassen! Und so holte ich aus, ihnen noch einmal grundsätzlich meine Position und Argumente darzulegen.
 
Dieses eine Mal hörte Anke ruhig zu und begann dann plötzlich sogar Nachfragen zu stellen. Das hat sie doch noch nie getan. Was ist denn jetzt auf einmal los?, fragte ich mich leicht irritiert.
   Und als wenn sich plötzlich der Wind gedreht hätte, war in der Folge nicht mehr der geringste Widerstand zu spüren. Und nicht nur, dass sie klug nachfragte, sie schloss auch bemerkenswerte Folgerungen aus dem Gesagten. Auf einmal schien sie alles zu verstehen und anzunehmen. Ich konnte es einfach nicht fassen!
   Wenn Dietmar diese Wandlung Ankes ebenfalls irritiert haben sollte, so ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Etwa gegen 23 Uhr zog er sich mit den Worten: „Ich bin müde und leg mich jetzt Schlafen! Aber ihr könnt ja ruhig noch weiter diskutieren“, ins Schlafzimmer zurück. 
    Ein Vorgang, der nicht ungewöhnlich war, denn er war berufstätig und musste am nächsten Morgen zur Arbeit. So blieben Anke und ich also alleine im Wohnzimmer zurück. 

Wir hatten uns noch eine ganze Weile angeregt unterhalten, als Anke plötzlich aufstand und mit den Worten: „Also, ich mal jetzt mal schöne Musik“, rüber zum Plattenspieler ging. „Gute Idee!“, sagte ich und stand ebenfalls auf. Vom langen Herumsitzen waren mir die Beine schwer geworden und ich nutzte die Gelegenheit, sie mir im Zimmer etwas zu vertreten.
   Während sie also nun mit der Plattenwahl beschäftigt war und ich mir im Zimmer die Beine vertrat, vernahm ich auf einmal recht deutlich eine innere Stimme: Frag sie, ob sie sich nicht zum Glauben bekehren möchte!
   Ich war erst überrascht, dann zutiefst erschrocken. Mit jemandem über den Glauben zu diskutieren ist eine Sache, ihn oder sie aber zur Bekehrung aufzufordern, eine andere. Sie wird sich vielleicht bedrängt fühlen, dachte ich, und womöglich heftig reagieren! Ich zögerte.
   Andererseits hatte ich aber die innere Stimme deutlich vernommen. Um dies zu leugnen, hätte ich mich schon selber belügen müssen. Schließlich ging ich zu ihr hinüber und sagte so beiläufig wie möglich: „Anke, darf ich dir mal eine Frage stellen?“ Sie blickte überrascht von ihren Platten hoch und sagte: „Ja, worum geht`s?“
  Nun gab es kein Zurück mehr. Ich überwand meine Furcht und fragte sie ganz behutsam: „Anke, möchtest du dein Leben nicht Jesus übergeben?“
  Für einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen im Raum. Dann aber sagte sie beinahe schüchtern: „Aber ich weiß doch noch so wenig darüber!“ Ich atmete erleichtert durch. Sie hatte zumindest nicht wie befürchtet heftig reagiert.
   „Ach“, entgegnete ich. „das macht nun wirklich nichts! Als ich mein Leben Jesus übergeben habe, wusste ich auch nicht allzu viel darüber. Entscheidend ist nur, dass man es will. Der Rest ergibt sich dann schon.“ Sie schaute erst noch skeptisch vor sich hin, aber nach einigem guten Zureden willigte sie schließlich ein. „Okay“, sagte ich, „dann lass uns gemeinsam beten!“
 
Wenig später saßen wir schweigend und mit geschlossenen Augen am Wohnzimmertisch. Schließlich fing Anke in recht einfacher, aber dennoch respektvoller Art an zu beten. Sie bat Gott um Vergebung für ihr bisheriges Leben ohne ihn und sagte dann die entscheidenden Worte:  „Ich bitte dich, Herr Jesus, dass Du in mein Leben kommst. Amen!“ 
   Ich atmete erleichtert durch.     
Kurz darauf begann ich dann selber zu beten und dankte Gott, dass Anke nun tatsächlich den Weg zum Glauben gefunden hatte. Und dass Er sie nun auch auf ihrem weiteren Lebensweg leiten und beschützen möge.
 
Während ich so betete, kam mir plötzlich ein Gedanke in den Sinn. Ich überlegte kurz, ob ich ihn aussprechen sollte. Dann aber tat ich es: „Anke, Jesus sagt zu dir: Ich bin das Licht auf dem Berge!“
   Ich hatte die Augen geöffnet, als ich sie ansprach und sah nun, dass sie ihre Augen jetzt ebenfalls öffnete. Sie blickte mich völlig erstaunt an und sagte dann: „Weißt Du, Heiner, was ich gerade erlebt habe?“ Ich schaute sie fragend an.
  „Als du betetest, sah ich vor meinem inneren Auge auf einmal einen im Halbdunkel liegenden Berghang. Man könnte eine Wiese und Bäume erahnen, aber nichts Genaues erkennen. Mit einem Mal erschien auf der Bergkuppe ein unwahrscheinlich helles Licht und begann schlagartig den ganzen Berghang zu erleuchten.“
   Sie machte eine kleine Pause und fuhr dann fort: „Und gerade als ich mich fragte, was dies denn für ein Licht sei, sagtest du, Jesus sagt zu dir: Ich bin das Licht auf dem Berge!“
  Für einen kurzen Moment war ich richtig geplättet. Dann hatte ich mich wieder gefasst. „Weißt Du, was das bedeutet, Anke?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, fuhr ich fort: „Das bedeutet, dass Jesus dir eine direkte Antwort gegeben hat! Damit du sicher weißt, dass du den richtigen Schritt getan hast. Unglaublich!“ Sie strahlte nun über das ganze Gesicht und nickte: „Ja, das ist dann wohl so!“
  Mir fiel ein Satz ein, den ich irgendwo einmal aufgeschnappt hatte: Wenn wir uns einen Schritt auf Gott zubewegen, kommt er uns mit einem Riesenschritt entgegen! Ich sprach ihn aus. Anke lächelte zustimmend.
 
Es war schon weit nach Mitternacht, als Anke sich ins Schlafzimmer zurückzog und ich es mir auf dem Sofa im Wohnzimmer "bequem" machte. Aufgewühlt von den Ereignissen des Abends fand ich allerdings erst recht spät in einen unruhigen Schlaf.   
   Als ich am nächsten Morgen aufwachte, verspürte ich ein seltsam stechendes Gefühl in der Magengegend. Als wenn jemand in meinen Eingeweiden herumgewühlt hätte. Da bin ich gestern Nacht wohl irgendwie an meine Grenzen gestoßen, dachte ich. Es war ja auch eine recht „schwere Geburt“ gewesen.
     Auf einmal kam mir ein anderer Gedanke: Ob sie jetzt am Morgen die Sache noch genauso sehen wird wie gestern Nacht? Oder doch vielleicht einen Rückzieher machen wird? Ich war mir nicht sicher.
   
Als sie wenig später ins Wohnzimmer kam, strahlte sie mich an: „Guten Morgen, Heiner! Hast du gut geschlafen?“ „Geht so“, entgegnete ich, „fühle mich aber noch etwas schlapp.“       
   "Weißt du, was ich heute Morgen als erstes zu Dietmar gesagt habe?“ Ich schaute sie fragend an. Sie lächelte: "Ich habe zu ihm gesagt: Ich bin jetzt auch ein Kind Gottes!"
   Ich war bass erstaunt wegen ihrer Wortwahl. Meiner Ansicht nach hatte ich den Begriff Kind Gottes, obwohl er biblisch ist, ihr gegenüber nie erwähnt: "Und“, fragte ich, “wie hat er reagiert?" "Ach, er hat mich erst mit großen Augen angeschaut und dann gesagt: „Na, das ist doch schön. Gratuliere!" Sie lachte: "Komm, wir gehen in die Küche! Erst einmal etwas frühstücken!"
 
Ja, und hier endet diese kleine wahre Geschichte. Anke schloss sich einige Zeit später einer Baptistengemeinde an und ist, soviel ich weiß, auch heute noch gläubig.
 
                                                    

Samstag, 23. August 2014

Mein wundersamer Weg auf eine Bibelschule (1987)

 
 Dieses Foto ist von http://www.bigfoto.com/

Ich war gescheitert! Nach acht Monaten hatte ich auf Anraten meiner Arbeitgeber gekündigt und stand nun quasi vor dem "Nichts". Ohne Anerkennungsjahr galt mein Sozialpädagogikstudium als nicht abgeschlossen. Gewiss, ich hätte nicht kündigen müssen, trotz der schweren Differenzen mit der Jugendclubleitung, und hatte auch jetzt noch die Chance, das Anerkennungsjahr in einer anderen Einrichtung binnen zwei Jahren zu wiederholen. Aber wollte ich das? Oder besser gefragt: War das mein Weg?
     Seit meiner Bekehrung zum christlichen Glauben im Jahre 1985 war ich überzeugt, dass es den richtigen Weg für mich gab. Das ich ihn nur herausfinden musste und darauf vertrauen konnte, dass er mir schon gezeigt werden würde. Dies jedenfalls versprach die Bibel: "Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, auf dem du wandeln sollst!" Und so lautete mein Gebet in jenen Tagen auch: "Herr, zeige mir den Weg, den ich wählen soll!"
    Wie gewohnt suchte ich Mittwoch abends die „Jüngerschaftsschule“ im Jesushaus auf. Man könnte es als eine Fortbildungslehrgang in Sachen Christsein verstehen. An zwölf verschiedenen Abenden wurde jeweils ein Thema durchgenommen. An diesem Tag stand der Lobpreis auf dem Programm,  in Anlehnung an das alte Jakobuswort: "Wer sich Gott naht, dem naht sich Gott!" Nach einer theoretischen Einführung in das Thema folgte am Ende ein praktischer Teil. Das Leiterteam und wir Teilnehmer stellten uns in einem Rundkreis auf und die Lobpreisleitung, ausgestattet mit Akustikgitarren, begann ein christliches Lied anzustimmen.

Im Grunde war der Lobpreis nicht wirklich etwas Neues, geschah es doch quasi in jedem Gottesdienst. Entscheidend ist es dabei in eine Art „Flow“ zu geraten und nicht in einem routinemäßigem Absingen von Liedern stecken zu bleiben. Und an diesem Abend aber war dieser „Flow“ deutlich zu spüren. Wie die meisten Anderen stand ich mit geschlossenen Augen und himmelwärts gestreckten Armen da, als ich plötzlich deutlich die leise geflüsterten Worte: „Breite Straße“ vernahm. Ich war so überrascht, dass ich augenblicklich die Augen öffnete und nach der "Wortquelle" suchte.
     Meine beiden Nebenmänner waren im Lobpreis vertieft. Ganz offensichtlich waren  die Worte nicht von ihnen gekommen. Aber wer war es dann gewesen? Es blieb eigentlich nur eine Interpretation offen: Es war ein übernatürliches Reden geschehen. Aber was sollte  mir damit gesagt werden? Breite Straße, breite Straße, überlegte ich. Mir fiel ein Bibelvers ein: „Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführt; und ihrer sind viele, die darauf wandeln.“
    Ich nutzte eine kurze Stille zwischen zwei Liedern und sprach den Vers als eine "Weissagung" (Reden Gottes) in die Runde hinein. Es wurde unkommentiert hingenommen und kurz darauf war die Lobpreiszeit auch beendet.  Wenig später verließ ich das Jesushaus und fuhr mit meinem Fahrrad gleich nach Hause.
 
Am nächsten Tag war es nun so, dass ich zu einem Gespräch im Jugendamt verabredet war. Als ich das große Wilhelm-Marx-Haus betrat, warf ich zwecks Raumsuche einen Blick auf die riesige, im Foyer angebrachte Hinweistafel.  Ich hatte die gesuchte Zimmernummer gerade gefunden, als mir plötzlich auffiel, dass auf der Glasscheibe ein Zettel angebracht war. Ich las erstaunt mit ungläubigen Augen: „Wir sind umgezogen in die Breite Strasse!“ Natürlich fiel mir sofort wieder die das übernatürliche Reden vom Vorabend  ein. "Breite Strasse" Die gehörten Worte standen nun plötzlich geschrieben da.
     Nachdem ich mich von der ersten Überraschung erholt hatte, schaute ich, wer denn umgezogen war. Das BaföGamt!  Ein neuerliche Überraschung! Was soll das?, dachte ich. Soll ich etwa auf eine Bibelschule gehen? Ich hatte nämlich einmal gehört, dass es eine gäbe, die bafögmäßig gefördert wurde.   Aber das ist doch Blödsinn! Ich bin doch schon über dreißig und mit Sicherheit nicht mehr BAföG-berechtigt. Andererseits, ein solcher Zufall! Das musste eine Bedeutung haben! Noch ganz in Gedanken machte ich mich auf den Weg zum verabredeten Termin.
 
Vier Tage später schaute ich aus meinem Zimmerfenster. Es goss draußen in Strömen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen an diesem Vormittag das Bafög-Amt in der Breite Strasse" aufzusuchen. Aber beinahe schien es so als ob sich der Himmel gegen mich verschworen hätte. Wieder kamen mir die Zweifel. War das mit der Bibelschule nicht einfach eine dumme, nicht realisierbare Idee? Ein Luftschloss? Gewiss, da war diese seltsame Geschichte mit dem übernatürlichen Reden und dem Zettel auf der Hinweistafel, was mir einen Fingerzeig in Richtung Bafög-Amt zu geben schien.     Aber dagegen standen die einfachen gesetzlichen Fakten. Wenn eine Bibelschule überhaupt gefördert wurde, so war ich für eine solche Förderung auf jeden Fall zu alt. Mal ganz abgesehen davon, dass ich auch während meines ersten Studiums kein Bafög erhalten hatte. Eine Weile rang ich mit mir. Dann traf ich eine Entscheidung: Gut, ich werde bis 11 Uhr warten. Wenn es dann nicht aufgehört hat zu regnen, vergesse ich die ganze Angelegenheit.
    Gegen 10.50 Uhr schaute ich erneut aus dem Fenster. Nach wie vor goss es in Strömen. Innerlich begann ich mich schon darauf einzustellen, meinen Bibelschultraum abzuhaken. 10.58 Uhr. Nach wie vor goss es in Strömen. OK, dass war es dann wohl, dachte ich leicht enttäuscht. Es war halt eine alberne Idee gewesen. Als ich aber sicherheitshalber Punkt 11 Uhr noch einmal aus dem Fenster schaute, glaubte ich für einen Moment meinen Augen nicht zu trauen. Es hatte komplett aufgehört zu regnen, wie als wenn jemand den Regenhahn zugedreht hätte. Das gibt es nicht! dachte ich. Und wusste doch im gleichen Augenblick, dass dies kein Zufall war. Wenige Minuten später verließ ich meine Wohnung und machte mich auf den Weg in die Breite Strasse.
 
Die Sekretärin im Bafög-Amt schaute mich erstaunt an. „Eine baföggeförderte Bibelschule? Moment, ich schaue am besten einfach mal nach.“ Sie holte einen Aktenordner aus dem Schrank, setzte sich  und begann darin zu blättern. „Ah, hier“, sagte sie und blickte freundlich zu mir hoch. „Es gibt tatsächlich zwei Bibelschulen, die als förderungswürdig gelten. Eine ist in Erzhausen und die andere in Wolfenbüttel.“
    Also doch!, dachte ich. Aber an sich war dies ja auch das geringere Problem gewesen. „Ja“, sagte ich, „aber vielleicht bin ich ja schon etwas zu alt für Bafög. Immerhin bin ich ja schon dreißig!“ Sie schien für einen kurzen Moment nachzudenken. Dann entgegnete sie: „Wissen Sie was? Ich gebe ihnen einfach mal ein Antragsformular mit und Sie bringen es mir dann nächste Woche ausgefüllt zurück. Dann können wir ja weitersehen!“
Als ich wenig später wieder draußen auf dem Gehweg befand, dachte ich: Eigentlich ist es besser gelaufen als gedacht. Die Sache scheint tatsächlich nicht ganz aussichtslos zu sein. Den Rest des Weges ließ ich einer "Tagtraumerei" freien Lauf-
 
Ein paar Tage später reichte ich einen warf ich einen Förderungsantrag für eine theologische Ausbildung an der „Bibelschule Beröa“ in Erzhausen in den Briefkasten des Bafög-Amts. Das Weitere lag nun nicht mehr in meinen Händen. Es begann eine Zeit des Wartens. Nach etwa zwei Woche erhielt ich dann ein Antwortschreiben. Angespannt überflog die Zeilen bis zu : „... lade ich Sie zu einem klärenden Gespräch ein“. Unterschrieben vom Amtsleiter des Bafögamtes. Ich atmete erleichtert durch. Mein Traum war also noch nicht zu Ende.
    In den nächsten Tagen fragte ich mich manchmal, wieso ich keinen ablehnenden Bescheid erhalten hatte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich als Dreißigjähriger noch Bafög erhalten könnte. Andererseits sagte ich mir: Die Sache hat übernatürlich begonnen und Gott macht bestimmt keine „halben Sachen“.
    Dann endlich war es soweit. Mit gespannter Zuversicht machte ich mich auf den Weg zum klärenden Gespräch im Bafög-Amt. Wie würde es wohl ausgehen? Barfuss oder Lackschuh? Als ich wenig später die Amtstube betrat, begrüßte mich ein kleiner, etwa 50jähriger Mann mit Handschlag und wies auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch: "Nehmen Sie doch bitte Platz!"
     Mein Gegenüber kam schnell zur Sache: „Herr ..., ich will nicht lange drum herumreden. Ich habe Ihren Antrag geprüft und es besteht eine Möglichkeit, dass wir Sie fördern!“ Das hörte sich gut an. Ich entgegnete: „Obwohl ich schon dreißig bin?“ Er lächelte: „Nicht obwohl, sondern weil sie dreißig Jahre alt sind!“ Ich schaute ihn erstaunt an.
      Er erklärte mir, dass es eine Regelung für die Förderung von Studiumsabbrecher gäbe: „Bedingung ist, dass der Antragsteller in seinem ersten Studium nicht bafögmäßig gefördert worden ist und dass er dreißig Jahre alt ist. Und zwar exakt dreißig Jahre alt!“ Er lächelte: „Beide Bedingungen erfüllen Sie. Wären Sie ein halbes Jahr später gekommen, also mit 31, würde diese Ausnahmeregelung nicht mehr für Sie gelten.“
    Ich war sprachlos. Welch ein Glück! Welch eine Fügung! „Allerdings“, fuhr mein Gegenüber fort, „müssten Sie mich noch überzeugen, dass die Gründe für die Nichtbeendigung ihres Studiums schwerwiegend genug sind! Denn nur dann kann ich Ihrem Antrag zustimmen!“ Er schwieg und schaute mich erwartungsvoll an.
     Ich begriff, dass ich jetzt eine einmalige Chance erhalten hatte. Einen kurzen Augenblick sammelte ich meine Gedanken. Dann begann ich zu erzählen von meinen Schwierigkeiten in meinem Anerkennungsjahr, die letztendlich zum Bruch mit der Leitung des Jugendclubs geführt hatte. „Sie sehen“, sagte ich,“ dass am Ende mein Glaube und die Arbeit unvereinbar waren. Es ging einfach nicht mehr!“
    Er hatte seine Hände während meines Erzählens  wie zum Gebet gefaltet unter seinem Kinn gehalten. In dieser Pose verharrte er auch jetzt noch einen Moment. Seine Miene verriet keine Regung. Dann plötzlich senkte er dir Hände, lächelte mich freundlich an und sagte dann: „Sie haben mich überzeugt! Wir werden ihre theologische Ausbildung bafögmäßíg fördern. Die ersten beiden Jahre ohne, das dritte Jahr mit Rückforderung. Aber erst wenn Sie in Lohn und Brot sind!“ Er stand auf, reichte mir die Hand und sagte: „Alles Gute auf Ihrem weiteren Lebensweg."
 
Als ich wieder zuhause war, konnte ich mein Glück nicht fassen. Das schier „Unmögliche“ war wahr geworden. Mir war - trotz meines Alters - tatsächlich für drei Jahre Bibelschule das Bafög gewährt worden. Ein echtes Wunder, besonders wenn man bedenkt, dass alles mit jenem rätselhaftem Wort „Breite Strasse“ während der Lobpreiszeit begonnen hatte.
     In der Folge bedurfte es aber noch eines weiteren Wunders. Der Pastor des Jesushauses hatte „zufällig“ in der Nähe der Bibelschule zu tun und schlug mir vor, dass ich ihn ja begleiten und meinen Antrag persönlich an der Bibelschule abgeben könnte. Eine glückliche Fügung, wie sich noch herausstellen sollte. Als ich nämlich gerade den Antrag im Sekretariat der Bibelschule abgeben wollte, kam „zufällig“ der Bibelschuldirektor zur Tür herein. Nach einem kurzen erstaunten Blick begrüßte er meinen Pastor wie einen alten Bekannten und fragte ihn nach dem Grund seines Besuches. Der verwies auf mich und mein Anliegen und so landete ich wenig später zu einem Gespräch im Büro des Direktors.
     Natürlich erzählte ich ihm die ganze Geschichte der wundersamen Bewilligung meines Bafögs, was den Direktor aber nicht sonderlich zu beeindrucken schien: „Sehen Sie mal hier,“ sagte er, zog eine Schreibtischschublade auf und holte einen Stapel Blätter hervor. Dann legte er sie auf den Tisch: „Das sind über dreißig Bewerbungen für das neu beginnende Schuljahr. Aber ich habe nur noch zwei Plätze zu vergeben.“ Ich erschrak.
       Der Direktor legte die Anträge wieder in die Schublade zurück und lehnte sich in seinem Sessel zurück „Ich bewillige Ihren Antrag nur aus einem einzigen Grund. Nicht wegen ihrer tollen „Wundergeschichte" sondern einzig und alleine, weil Ihr Pastor sich die Mühe gemacht hat  Sie persönlich hierher zu fahren. Ansonsten hätten Sie den Platz nicht bekommen.“ Er lächelte: „Danken Sie Ihrem Pastor ... und Gott, der diesen Umstand wohl so gefügt hat.“
So kam es dann, dass ich etwa acht Wochen später in ein Dreibettzimmer auf der  Bibelschule Beröa ( Erzhausen/ Nähe Darmstadt) einzog. Ein völlig neuer Lebensabschnitt begann, von dem ich dann vielleicht an anderer Stelle erzählen werde.