Donnerstag, 12. Februar 2015

Der Preis für innere Veränderung

 
 
 
 
Manche Ereignisse im Leben prägen sich einem besonders tief im Gedächtnis ein, so wie beispielsweise die folgende, persönlich erlebte Geschichte aus dem Jahre 1988. Damals war ich 31 Jahre alt und hatte gerade mein erstes Schuljahr auf einer Bibelschule in Erzhausen/Hessen hinter mir. 
  Für ein paar Tage erholte ich mich nun in St.Tönis bei Hubert, einem christlichen Freund. Bevor es dann rauf nach Bremen zu einem Gemeindepraktikum gehen sollte.
    
Von St. Tönis bis Düsseldorf ist es nur ein Katzensprung, und so fuhren wir Samstag abends ins  Jesushaus. Dort war ich knapp drei Jahre zuvor unter dramatischen Umständen zum christlichen Glauben gekommen und natürlich freute ich mich darauf, ein paar Freunde und Bekannte wiederzusehen.
     An diesem Abend sprach ein bekannter Prediger darüber, dass Gott das Innere eines Menschen grundlegend verändern könne: "Glaubt ihr das?" fragte er von der Kanzel ins Publikum. Ein vielfaches "Hallelujah", "Preis den Herrn" und "Amen!" schallte ihm entgegen. Eine übliche Reaktion auf solche mehr oder weniger rhetorischen Fragen. 
    "Wer möchte eine solche Veränderung erleben? Hebt doch bitte mal die Hand!" Überall im Saal wurden Hände gehoben. Wieder einige "Hallelujahs" und "Gott ist groß" Rufe wurden hörbar. Der Prediger nickte und dann schaute schweigend ins langsam ruhiger werdende Publikum. Dann sagte er: "Seid ihr denn auch bereit, den Preis für eine solche Veränderung zu bezahlen? Leiden dafür in Kauf zu nehmen?"
    Plötzlich wurde es ganz still im Saal. „Ist hier jemand, der bereit ist Leiden für eine solche innere Veränderung in Kauf zu nehmen? Der oder die hebe doch bitte mal die Hand!“ Nichts geschah, nicht ein einziger Arm ging in die Höhe. Der Prediger nickte wieder und sagte dann ganz langsam und bedächtig: "Danke, liebe Brüder und Schwestern, dass ihr so ehrlich seid!"

In den darauf folgenden Tagen hielt ich mich meist in Huberts Haus auf. Die acht Monate Bibelschule waren recht intensiv gewesen und ich genoss die freien Tage ohne Unterricht, Veranstaltungen, Lernen und Dreibettzimmer. Mein Tagesprogramm bestand aus Ausschlafen, Nichtstun, anregende Gespräche mit Hubert und unangestrengtem Lesen oder Dösen im Gartenstuhl.
   
Eines Vormittags jedoch, Hubert war beruflich unterwegs, setzte ich mich in den Garten und nahm mir Zeit fürs Gebet und die Bibel. Und als ich irgendwann so still dasaß und nachdachte, fiel mir auf einmal wieder die Predigt aus dem Jesushaus ein. Ach, dachte ich, ich könnte doch eigentlich mal für eine innere Veränderung beten. Und so schloss ich die Augen und betete, dass Gott mich innerlich verändern möge.
    Ich hatte die Worte kaum ausgesprochen, als mir ein Gedanke klar und deutlich in den Kopf schoss: Bist du denn auch bereit den Preis dafür zu bezahlen? Augenblicklich fiel mir die ganze Begebenheit im Jesushaus wieder ein. Das Schweigen im Saal, als der Prediger fast die gleiche Frage gestellt hatte. War ich wirklich bereit, den Preis zu bezahlen? Leiden in Kauf zu nehmen?
    Für einen Moment saß ich mit geschlossen Augen auf meiner Decke und dachte nach. Im Gespräch mit Gott sollte man seine Worte wägen, wenn es um solche Dinge geht. Schließlich sagte ich: "Ja, ich bin einverstanden! Ich bin bereit den Preis zu bezahlen!"
    Im nächsten Moment sah ich mich eine Bank betreten, an einen Schalter gehen und dort Geld in Empfang nehmen. Diese "Einspielung" mochte vielleicht fünf Sekunden gedauert haben, bevor sie abrupt stoppte und wieder in ein gleichförmiges Schwarz überging. Ich öffnete meine Augen und dachte: Seltsam!

Einige Tage später hatte ich meinen Kurzurlaub bei Hubert beendet und befand mich im Zug nach Bremen. Denn dort sollte ich die nächsten 15 Monate zubringen. Erst ein dreimonatiges Gemeindepraktikum in der dortigen Pfingstgemeinde ableisten, und dann noch einmal ein Jahr im dortigen christlichen Sozialwerk mitarbeiten.
   Schon einige Minuten vor dem Einlaufen in den Hauptbahnhof hielt ich es nicht mehr auf meinem Sitz. Ich schnappte mir meinen Koffer und ging bis zur nächsten Zugtüre vor. Was würde mich hier in dieser Stadt erwarten? Neugierig forschend blickte ich auf die vorbeirauschenden Häuserfassaden.
    Der erste Eindruck war nicht schlecht, aber auch wenig aufschlussreich. Nichts was mich jetzt direkt für oder gegen die Stadt eingenommen hätte. Der Zug begann nun seine Fahrt zu verlangsamen, dann hörte ich die Durchsage: "Nächster Halt ... Bremen Hauptbahnhof!"

Am Montagmorgen trat ich offiziell mein Gemeindepraktikum an. Da Pastor G. erst zwei Tage später von seiner Dienstreise zurückkehren würde, versuchte ich mich im Gemeindebüro etwas nützlich zu machen. Recht eintönige, stupide Arbeit, deshalb war ich froh als die Gemeindesekretärin mich nach der Mittagspause fragte: "Könntest du nachher mal bei Schwester Edermann vorbeischauen. Sie wohnt am Ende des Ganges und braucht wohl Hilfe. Sie ist gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden."
   So schellte ich wenig später dann bei jener Schwester. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich innen schlurfende Schritte vernahm und dann eine ältere Frauenstimme fragte: "Wer ist da?"   
   Nachdem ich mich als der neue Praktikant zu erkennen gegeben hatte, wurde eine Kette gelöst und die Türe öffnete sich. Eine ungefähr 75 jährige Frau mit schlohweißen Haaren und einem Augenverband stand vor mir. "Ja, kommen Sie rein! Ich habe Sie schon erwartet." Und damit drehte sie sich um und ging langsam an einem Stock ins Innere der Wohnung. Ich folgte ihr.

"Nehmen Sie Platz", sagte sie, als wir im Wohnzimmer angelangt waren. "Sie müssen entschuldigen, aber ich muss den Augenverband tragen. Ich habe gerade eine Augenoperation hinter mir. Grauer Star ! ….Möchten Sie etwas trinken?" "Nein danke", entgegnete ich, "machen Sie sich keine Umstände, Frau Edermann. Man sagte mir im Büro, Sie bräuchten Hilfe. Wie kann ich Ihnen helfen?"
   "Ach, junger Mann", entgegnete sie, „ich habe kein Geld mehr im Hause. Könnten Sie mich zur Bank begleiten?" Einen Moment war ich sprachlos. Das kann doch nicht ihr Ernst sein, dachte ich. "Blind" und gehbehindert, und sie will jetzt zur Bank? "Schwester Edermann", sagte ich," wollen Sie sich das wirklich antun? In Ihrem momentanen Zustand nach draußen gehen? Wissen Sie was? Erteilen Sie mir eine Bankvollmacht. Dann fahre ich alleine und Sie ersparen sich die Strapazen."
 
Es dauerte noch eine ganze Weile bis ich Schwester Edermann von meiner Idee überzeugt hatte. "Aber ich kenne Sie doch gar nicht!" war ihr wiederholtes Argument. Schließlich aber sah sie ein, das in ihrem Zustand eine Fahrt in die Stadt mit der Straßenbahn sehr beschwerlich werden würde und dass ich ja immerhin ein der Gemeinde bekannter "Bibelschüler" war.

    "Wie viel Geld soll ich denn abholen, Schwester Edermann?", fragte ich sie nun. "Ich hatte an 1000 DM gedacht“, war ihre prompte Antwort. "So viel?", fragte ich überrascht nach. "Ja nun", sagte sie, ich muss die Miete ja bezahlen und Essen und Trinken muss ich ja auch."  Vermutlich wollte sie einfach etwas Bares in der Wohnung haben, aber das ging mich ja auch nichts an. "Gut, Schwester Edermann, dann fahr ich jetzt mal los."
     Ich war schon fast an der Türe, als sie mir nachrief: "Warten Sie mal, Herr von Bünau! Mir ist noch etwas eingefallen." Ich blieb stehen, während sie langsam auf ihren Gehstock gestützt herankam.  "Könnten Sie mir auf dem Rückweg aus dem Supermarkt noch eine Packung Frischmilch mitbringen?", fragte sie. "Klar", sagte ich, "Kein Problem!" "Und passen Sie um Himmels willen gut auf das Geld auf. Hier sind viele Diebe unterwegs!"
    Ich lächelte und sagte beschwichtigend: "Schwester Edermann, machen Sie sich da mal keine Sorgen. Ihr Geld ist bei mir in sicheren Händen. Das wird mir nicht wegkommen."
    Mit diesen Worten öffnete ich die Türe und sagte: "Also dann bis später!" "Ja", sagte sie, " passen Sie bloß auf das Geld auf. Das ist hier eine ganz unsichere Gegend." Schmunzelnd über soviel weltfremde Besorgnis ging ich durch die Türe und zog sie hinter mir zu.

Am Bankschalter lief alles problemlos. Und so befand ich mich schon eine halbe Stunde später wieder auf dem Rückweg, die 1000 DM plus meinem Personalausweis gut verstaut in einem Geldtäschchen, welches mir Schwester Edermann mitgegeben hatte.
    Ich war nur noch wenige Meter von der Gemeinde entfernt, als mir auf einmal einfiel, dass ich ja eine Tüte Milch mitbringen sollte. Ich stoppte und schaute mich um. Weit und breit kein Geschäft. Mist! dachte ich und machte mich auf die Suche. Ich hatte Glück! Zwei Querstraßen weiter fand ich einen Supermarkt. Ich ging hinein, kaufte die Tüte Milch und noch ein paar Kleinigkeiten für mich selber. Als ich mich der Warteschlange an der Kasse näherte, lagen die Sachen zusammen mit dem Geldtäschchen im Einkaufswagen.
    Was macht man, wenn man warten muss? Man denkt nach, träumt vor sich, schaut sich um und hofft, dass man endlich dran kommt. Schließlich aber war alles bezahlt, ich hatte die Sachen an mich genommen und den Supermarkt wieder verlassen.
   Ich mochte vielleicht zehn Meter gegangen sein, als ich wie vom Donnerschlag gerührt stehen blieb. Ein Gedanke hatte mich durchzuckt, der direkt ins Mark wanderte: Die Geldtasche ist weg! Geschockt drehte ich mich um und betrat wieder den Supermarkt.

Fünf Minuten später war es zur Gewissheit geworden: Das Geldtäschchen samt den 1000 DM und meinem Personalausweis waren verschwunden. Es lag weder im zuvor benutzten Einkaufswagen, noch hatte es jemand im Laden beim Personal abgegeben. Fieberhaft versuchte ich mich zu erinnern. Wann hatte ich die Geldtasche das letzte Mal gesehen? Ich konnte mich gut erinnern, dass ich sie in den Einkaufswagen gelegt hatte. Aber nicht, dass ich es auch wieder herausgenommen hatte.
    Es blieb eigentlich nur eine Erklärung: Sie musste während des Einkaufens oder an der Kasse aus dem Einkaufswagen entwendet worden sein. Siedend heiß fielen mir Schwester Edermanns Worte wieder ein: "Aber passen Sie bloß gut auf. Hier sind viele Diebe unterwegs ...!"
   Was sollte ich jetzt machen? Ihr unter die Augen treten jedenfalls nicht! Und so kehrte ich erst einmal in meine Wohnung zurück.

Ich lag auf dem bequemen Ledersofa im Wohnzimmer, aber die Gedanken in meinem Kopf rasten: Was soll ich jetzt bloßmachen? Die alte Edermann trifft vielleicht der Schlag, wenn ich ihr die Sache beichte.
   Plötzlich – wie aus dem Nichts - fiel mir wieder der Morgen bei Hubert ein. Das Gebet in seinem Garten, wo ich Gott um innere Veränderung gebeten hatte. Mir stockte der Atem: Moment mal!? Ich hatte nach dem Preis für eine solche Veränderung gefragt ... Die Antwort lautete Leiden! ... und dann der Film in meinem Kopf. Ich sah mich in eine Bank gehen und Geld abheben!
   Mit einem Ruck saß ich aufrecht. In mir ging ein Kronleuchter an, als ob jemand in einem dunklen Saal den Lichtschalter betätigt hätte. Binnen weniger Sekunden ergaben alle unverständlichen "Puzzleteile" ein klares Bild: Na klar, ich habe um innere Veränderung gebeten und Gott hat mir in dem Film gezeigt, was nun vier Tage später geschehen war. Dann war das also von Gott geplant gewesen!
   Unruhig ging ich im Zimmer auf und ab. Das veränderte alles! Dem Willen Gottes konnte niemand ausweichen. Auch ich dem Raub der 1000 DM nicht. Ich schaltete den Fernseher ein, um mich abzulenken. Auf der Mattscheibe erschienen zwei junge Männer, die sich offensichtlich stritten. Eine typische Nachmittagserie! "Ja", sagte der eine," ich weiß auch nicht, wie das passieren könnte. Aber die 1000 DM sind nun mal weg. Geklaut, was weiß ich ... !"
    Ungläubig starrte ich auf den Bildschirm. Begann ich gerade verrückt zu werden, oder waren die Worte wirklich gefallen? Tatsächlich, es ging um 1000 DM, die jemandem gestohlen worden waren. Nun war es vollkommen klar! Es hatte so geschehen sollen. Die verändernden Leiden hatten begonnen!

Wenig später machte mich schweren Herzens auf den Weg zu Schwester Edermann. Zu meiner großen Überraschung reagierte sie völlig anders als erwartet.  "Oh Gott, oh Gott! Hab ich`s doch geahnt", rief sie aus. "Und ich hatte Ihnen doch noch gesagt, dass sie hier in der Gegend aufpassen müssen!" "Ja, stimmt" entgegnete ich. "Aber es ist jetzt nun mal passiert und nicht mehr zu ändern. Es tut mir leid!"
    Dann sagte sie ganz ruhig: "Das Geld müssen Sie mir aber ersetzen!" "Ja, klar", entgegnete ich. "Das ist ja selbstverständlich! Geht es in monatlichen Raten?“
   Als ich wenig später ihre Wohnung wieder verließ, war ich erleichtert. Das ist ja noch einigermaßen glimpflich abgelaufen, dachte ich. Gott sei Dank!

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